Von einem, der auszog, einen Engel zu kaufen

Markus Dosch - Kurzgeschichten - 110 Seiten - Paperback - 8,90 €

Markus Dosch – Kurzgeschichten – 110 Seiten – Paperback – 8,90 €

Eine kleine Rezension von Ralf R. Ruehe vom 4. 5. 2015

Ob es der burschikose und raffinierte ‚“Onkel Sepp“ ist, ein Waren–Tandler, der die Dörfer um Ammer- und Starnbergersee beliefert oder eine plötzlich aus vergangenen Zeiten auftauchende feenhafte Dame.

Ob er mit ihr, dieser zauberischen Fee, Kaffee trinkt auf der Terrasse von Schloss Dachau oder sich plötzlich, ganz plötzlich verliebt in eine hübsche Geschäftsinhaberin, welche dann keine war und die plötzlich verschwindet …

Markus Doschs Personenarsenal ist immer voll prallen Lebens, wenn auch manchmal verzaubert.

Manchmal wirken die Handlungen alltäglich, bis man dann bemerkt, dass sie alles andere sind. Manchmal sind sie von vorneherein seltsam und geheimnisvoll angelegt, sodaß viele Fragen aufgeworfen werden.
Und ich denke: das ist das Ziel des Autors!

Markus Doschs Stil ist die Mischung aus Alltäglichkeit und Geheimnisvollen.
Dabei handelt es sich um Geheimnisse und Events, die einem jeden von uns passieren könnten.

Wie er diese präsentiert, ist das einzigartige Rezept des Autors. Er schreckt auch vor Tabus nicht zurück. Wir finden uns im Selbst – Erlebten und Vergangenen wieder. Wir identifizieren uns mit seinem Engagement gegen Repression, falsche Traditionen, gegen Feindseeligkeit, Intoleranz, Stagnation. Auch wenn der Autor angeblich „Frieden und Freiheit“ bringende Mächte nicht unkritisch davonkommen lässt, können wir nur sagen: Weiter so! Und zustimmen.

Markus Dosch bezieht auch Stellung in Sachen Politik, wobei er auch allseits freiheitsbringende Mächte (Weltmächte) nicht verschont.

Wenn dann in einer Geschichte am Ende des Bandes ein Wissender die weißte Fahne hisst, wenn ein anderer den erklärten gestrigen Skin vor dem Tod rettet, da ist Markus Dosch wieder ganz auf der Höhe seiner Forderungen: Sich erkennen, sich die Hand reichen.


Hier eine Geschichte aus dem Buch:
Franto

Es war in den letzten Tagen des Krieges. Die Amerikaner waren schon bei Dachau und schossen mit ihrer schweren Artillerie in unser Dorf. Ein Treffer riss ein Riesenloch in die Rückwand unseres Hauses, aber außer der Zerstörung der Kohlen- und Holzvorräte und der Werkzeugschränke, wurde wie durch ein Wunder niemand verletzt. Uns wurde es richtig mulmig, und schnellstens hängten wir ein weißes Leintuch vors Fenster, das Richtung Norden nach Dachau schaute.

Was würde uns jetzt erwarten? Was würden die „Schwarzen“, die „Neger“, mit uns machen? Die Nazis hatten uns immer wieder eingehämmert, dass sie uns alle massakrieren und die Frauen und Mädchen vergewaltigen würden. Wir hatten Angst, auch Angst vor der Vergeltung und der Rache der Sieger.

Trotzdem versammelte sich eine Menge Leute an der Würm und an der Straße, die von Dachau nach Allach führte. Wir wussten, dass die Amis von Norden kommen würden, auf einer Nebenstraße nach München. Alle warteten in höchster Anspannung auf ihr Erscheinen, und als der erste Jeep an der Straßenbiegung auftauchte, ging ein tiefes Aufatmen durch die Menge.

Im offenen Jeep saßen Soldaten. Sie grinsten die Leute an, und wir wussten, diese Soldaten würden uns nichts antun, so richtig gemütlich saßen sie in ihren Jeeps. Und auch die Panzer, die danach anrollten, sahen so gar nicht nach Ungeheuer aus, denn da saßen auch Soldaten um den Turm herum, unter ihnen viele Schwarze. Mit breitem Grinsen warfen sie uns Schokolade und Kaugummi zu, Dinge, vor denen immer gewarnt wurde, sie seien giftig und damit würden sie uns Deutsche nur umbringen wollen. Endlich ließ bei uns das Misstrauen nach, und die Kinder zuerst, dann die Erwachsenen klatschten in die Hände und lachten den Soldaten zu. Viele freuten sich, dass der Krieg jetzt tatsächlich zu Ende war und der braune Spuk keine Macht über die Menschen mehr hatte. Doch wir gingen mit gemischten Gefühlen nach Hause, und Mutter sagte: „Warten wir’s mal ab, was sie mit uns anstellen werden“, und: „Ich möchte nur wissen, wo Vater jetzt ist.“ Die Nazis hatten ihn trotz seines Alters noch eingezogen und wer weiß wohin transportiert.

Nach einigen Tagen liefen die Insassen des befreiten KZ-Lagers in Dachau bei uns vorbei, und wir sahen durchs Fenster, wie sie beratschlagten, ob sie uns „besuchen“ sollten. Aber sie hatten wohl auch von Freunden gehört, dass Mutter den KZ’lern immer wieder Brot und Äpfel und Birnen zugesteckt hatte, und so gingen sie an unserem Haus vorbei. Darüber waren wir sehr froh, denn die andern Familien erzählten, dass etliche ihnen Uhren und Schmuck abgenommen hatten.

Auch die Amis, die zu uns kamen, um nach Nazifahnen und nach „Mein Kampf“ zu suchen, waren höflich und freundlich, und wir fassten wieder Zuversicht und Mut für das Kommende. Die Fahne und das Buch hatten wir im Garten vergraben, um es für später als Erinnerung an die grausame Zeit aufzuheben. Aber wir fanden beides nicht mehr, und auch unser Hund, der „Rolfi“, konnte es nicht erschnuppern.

Endlich kam auch der Vater wieder nach Hause, nach einer abenteuerlichen Flucht aus der Ardennenlandschaft. Bald brachte er einen neuen Freund mit, einen Tschechen mit Namen „Franto“. Zuerst waren wir Kinder, meine Schwester und ich, sehr reserviert gegenüber dem Fremdling, obwohl er zu uns immer freundlich und nett war. Aber er sah so ganz anders aus als ein Deutscher, und wir trauten ihm nicht über den Weg. Er brachte stets kleine Geschenke für uns mit und handelte mit Vater mit vielen Dingen, die damals so rar waren. Er hatte Speck und Eier dabei, Benzin in Kanistern und sogar Seidenstrümpfe. Eines Tages zog er eine Menge von Würsten aus seiner breiten Tasche, und wir jubelten über diese Wohltat. Die Würste schmeckten allerdings sehr komisch, nicht so, wie wir sie in Erinnerung hatten. Sehr säuerlich und scharf, einfach nicht besonders gut. Nach Tagen erzählte er uns, dass es alles Würste vom Pferdemetzger „Lesti“ in Pasing gewesen seien. Wir schämten uns enorm, das Fleisch von Pferden gegessen zu haben und nachträglich wurde uns noch richtig übel. „Franto“ konnte sich nicht einkriegen vor Lachen, und er schrie: „Essen wir in Tschechei immer und schmeckt sooo gut. Ihr lernt noch, dass für Hunger alles schmeckt, sollt froh sein, dass Franto euch Essen bringt.“

Auch wir Kinder, Mutter und Vater lachten da aus vollem Herzen über „Franto“, und Vater rief: „Franto, du bist schon ein richtiger Hund, bringst uns Pferdefleisch und sagst, dass es von einer Sau ist.“ Er hieb ihm auf die Schulter, dass „Franto “in die Knie ging, aber „Franto“ krächzte: „Max, komm, spülen Pferdefleisch hinunter, habe guten Schnaps dabei, wird uns gut tun, alter Bazi.“

Bald hatten wir ihn lieb gewonnen und freuten uns, wenn wir ihn am Gartentor mit seinem alten Radl erblickten.


Bstellen kann man das Buch hier.

20. Mai 2015 von renate
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