Muttermilch

Viele Kinder werden von ihren Müttern gestillt, aber nach einiger Zeit hört das auf und die Kinder bekommen eine andere Milch zu trinken. So ging es auch mit meinem Bruder Herbert, der im Schwabinger Krankenhaus lag, weil er zu früh zur Welt gekommen war. Meine Mutter bat mich, ihm regelmäßig ihre abgepumpte Muttermilch ins Krankenhaus zu bringen. Also brachte ich ihm die Milch in einer Flasche und gab sie immer an der Pforte ab. Doch eines Tages dachte ich mir, wie schmeckt denn so eine Muttermilch überhaupt? Bei mir war es schon lange her, dass ich sie bekommen hatte. Es reizte mich jetzt einfach, einen Schluck aus der Milchflasche zu nehmen, um zu erleben, wie sie mir jetzt schmeckte, doch eine seltsame Scheu ließ es nicht zu.

Doch irgendwann konnte ich dieser Neugier nicht widerstehen und holte die Flasche langsam aus der Tasche und betrachtete sie von allen Seiten. Soll ich oder soll ich nicht? Sie sah in meinen Augen irgendwie geheimnisvoll aus, blassweiß und etwas fett.

Dann aber überwog der Drang, sie zu verkosten, und ich schraubte den Deckel ab und setzte die Flasche an den Mund. Aber etwas in mir zögerte noch…doch dann hob ich die Flasche an die Lippen und nahm einen richtigen Schluck von der Milch. Erst ekelte sie mich an, aber langsam schluckte ich sie hinab, behielt jedoch einen Rest davon auf der Zunge. Der Bann war gebrochen. Ich wischte mir den Mund ab und die Lippen und wusste, dass ich nie mehr wieder Muttermilch trinken werde! Und jetzt brauche ich sowieso keine mehr, in meinem Alter.

Über Markus Dosch

Markus Dosch wurde in dem Dorf Allach bei München 1931 geboren. Kindheit und Jugend sind durch die nationalsozialistische Herrschaft geprägt, vor der der Junge in eine Welt der Bücher flieht. Die Beschäftigung mit Märchen, Mythen und Sagen bietet eine Möglichkeit zu leben und zu überleben. Das Lesen erweckt schon früh den Wunsch selbst zu schreiben und das Leben in Sprache zu verwandeln. In seinen Erzählungen verarbeitet er vielfach seine Erfahrungen als Mitarbeiter einer Versicherung. Die Erlebnisse eines ganz normalen Büromenschen werden hier zu manchmal schaurigen, manchmal heiteren, manchmal bissigen Geschichten verdichtet. Die frühe Faszination durch Mythen und Märchen kehrt dabei in der Kunst des Autors wieder, das Wunderbare oder das Abgründige im Einerlei des tagtäglichen Lebens aufzuspüren und in poetische Bilder zu fassen. Ich bin Mitglied im VS - Verband Deutscher Schriftsteller in Bayern P.E.N. - Club Deutschland Werkkreis - Literatur der Arbeitswelt

13. Dezember 2014 von Markus Dosch
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