Im Kettenkarussell

Als junger Mensch habe ich einen Sommer  lang bei meinem Onkel in München als Helfer bei seinen Lebensmitteltouren im bayerischen Oberland beim Ausfahren der Waren ausgeholfen. Das war insofern unangenehm, weil ich schon um 4 Früh aufstehen mußte, um noch rechtzeitig in der Großmarkthalle zu erscheinen. Frühstück gab’s vorher noch bei ihm zuhause, hergerichtet von seiner Frau Amalie, eine bildhübsche, etwas kühle Brünette. Nachdem wir den kleinen Lieferwagen mit Kisten vollgepackt hatten, ging es los. Überall war mein Onkel Sepp ein angesehener Mann, der besonders mit den Damen der Läden schäkerte. Er hatte eine volltönende Stimme, für mich ein wenig zu schmalzig, aber die Damen goutierten das.

Wir fuhren also die damals noch kleineren Orte an, er handelte mit den Ladenbesitzern oder deren Angestellten, ich holte die Kisten aus dem Wagen und der Onkel trug sie zu den Läden. Ab und zu stieg ich mit der Kiste vom Wagen herab und trug sie dann zum Onkel und den Damen. Und an einem dieser Orte ist es dann passiert. Der Onkel schrie „hey du, bring mir die Kiste mit den Salaten, aber schnell, nicht piano.“ Ich also die Kiste hergeholt, an meine Brust gequetscht und auf das Trittbrett des Wagens gestiegen. Wenigstens hatte ich das vor, denn ich verfehlte mit einem Fuß das schmale Brett und rasselte mitsamt der Kiste auf den Boden und direkt mit dem Kopf auf die unten stehende Waage. Das war ein enormer Schlag, genau an die linke Nasenscheidewand! Ich traf die Waagenwand an der das Gewicht hing, um ein Haar und es wäre das Auge getroffen worden. Scheiße! Sofort lief mir das Blut aus der Nase wie ein Springbrunnen, die Verkäuferin schrie „Jessas, was macht denn Dei Bua, Sepp“, und der rannte aus dem Laden, packte mich an der Schulter und schrie „wos machst denn Bua, komm leg di hin, damit ich dei Bluat stoppen kann.“ Er verarztete mich provisorisch, und wir mußten gleich umkehren und nach München zurück ins Krankenhaus. Während der Rückfahrt schimpfte er mich immer wieder „Wie konn man sich nur so bläd ostelln!“

In der Klinik kam ich sofort in den OP, die Ärztin stellte einen Nasenbruch fest, aber auf meine Frage, ob ich jetzt eine mißbgebildete Nase bekäme, lachte sie und sagte „nein…nein…du wirst wieder ein schöner Junge, nur keine Angst.“

Dann legten sie mich auf den OP-Tisch, und die Ärztin sagte „du bekommst jetzt ein Äthernarkose, da spürt du gar nichts was wir machen.“ Eine Schwester erschien und drückte mir einen Wattebausch übers Gesicht, und im Nu war ich weg – ganz woanders. Ich saß nämlich in einem Kettenkarussell als alleiniger Fahrer, und das Karussell fing an, sich langsam zu drehen, dann immer schneller, und ich spürte, dass ich immer weiter hinausflog. Es ging immer weiter hinaus, ich dachte mir, jetzt bist du schon in den Wolken, immer noch weiter hinaus, ungeheuerlich in den Weltraum, bis ich nichts mehr erkennen konnte. Alles wurde schwarz und neblig, aber immer kreiste ich noch weiter hinaus, bis ich eine Stimmer hörte „halt…er holt sich den Tampoon heraus!“ Man klatschte mich auf die Wangen, und ich erkannte die Ärztin, die mich anlächelte. Sofort dchte ich mir, hoffentlich hast du nicht geredet in der Narkose und etwas von deiner Sympathie für diese Ärztin erzählt. Na ja, ich war damals richtig in der Pubertät, und meine Visionen von der Liebe und vom noch unbekannten Sex waren recht ’schamlos‘ und nichts zum Herumerzählen. Natürlich hörte ich nichts von ihr, aber ich traute mich nicht, sie zu fragen, was ich da in der Narkose so ausgeplaudert hatte. Doch sie lächelte mich weiterhin an und sagte „es wird alles wieder gut, du hast einfach Glück gehabt“. Auch heute noch fühle ich manchmal im Halbdämmer des Einschlafens, das Hinaustreiben ins All, unheimlich und gigantisch aber doch von atemberaubender Weite und Ausdehnung, für mein Erdenleben für immer gespeichert.

 

Über Markus Dosch

Markus Dosch wurde in dem Dorf Allach bei München 1931 geboren. Kindheit und Jugend sind durch die nationalsozialistische Herrschaft geprägt, vor der der Junge in eine Welt der Bücher flieht. Die Beschäftigung mit Märchen, Mythen und Sagen bietet eine Möglichkeit zu leben und zu überleben. Das Lesen erweckt schon früh den Wunsch selbst zu schreiben und das Leben in Sprache zu verwandeln. In seinen Erzählungen verarbeitet er vielfach seine Erfahrungen als Mitarbeiter einer Versicherung. Die Erlebnisse eines ganz normalen Büromenschen werden hier zu manchmal schaurigen, manchmal heiteren, manchmal bissigen Geschichten verdichtet. Die frühe Faszination durch Mythen und Märchen kehrt dabei in der Kunst des Autors wieder, das Wunderbare oder das Abgründige im Einerlei des tagtäglichen Lebens aufzuspüren und in poetische Bilder zu fassen. Ich bin Mitglied im VS - Verband Deutscher Schriftsteller in Bayern P.E.N. - Club Deutschland Werkkreis - Literatur der Arbeitswelt

19. Juni 2014 von Markus Dosch
Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: , , , | 7 Kommentare

Kommentare (7)

  1. Sie schreiben einfach wunderbar, lieber Herr Dosch. Ich liebe Ihre lakonische Sprache!
    Viele Grüße
    Renate Blaes

  2. tracey · Hi Belinda – Sounds great! I think the longer I’m vegatarien, the more I seem to want to become vegan … I hope the kitchen becomes a better friend to you!PS. I love my kitchen clock too (it was a gift from my brother, so I can’t take credit for its stylish nature).

    • Grüazi Kristy, danke für die Idee, mir das vegane Leben näher zubringen. Ich habe es einige Male versucht, aber es ist nicht gelungen. Doch ich habe meinen Wurst-und Fleischverzehr schon stark reduziert. Ich bin also schon ein 1/5tel Veganer, der sich weiter entwickeln kann. Der ‚kitchen‘ wünsche ich einen großen Aufschwung.
      Zu meinem Schreiben: Ich denke, dass Frau Blaes recht hat, aber es hat sich noch nicht sehr weit herumgesprochen. Aber ich habe ja noch etwas Zeit dazu. Ciao Markus Dosch und Dank an Frau Blaes

  3. I LOVE that color. I have always wanted to try something crazy, but my skintone is too olive to really go well with any of the colors I want. Maybe one day!

  4. Hi Cintia – I also read your blog regularly (have done since I discovered you on flickr and via other blogs) but like a lot of people just get caught up in “life” and find it hard to comment regularly. Your photos are always lovely but like some of the other commenters, would like to know more about the personal angle of your business (and about you!)

  5. Robert Spencer has a good piece published at Human Events today that is related to the subject matter addressed in this piece. Not sure which is a more depressing read, but read them we must if we want to be grounded in reality.

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