Erlebnisse, die man nie vergißt

Als Schüler ging ich in die Oberrealschule in der Wilhelmsstraße in Schwabing. Wir lernten dort auch etwas über Kultur und Literatur, aber das meiste erstreckte sich auf Wirtschaft und Mathematisches sowie Fremdsprachen. Da nach dem Krieg wenige Trambahnen nach Schwabing fuhren, hingen wir oft an den Türen der Tram außen dran und waren nur mit einem Arm und einem Fuß verankert. Natürlich sehr gefährdet, dass dich ein nah vorbeifahrender Lastwagen abstreifte und du entweder unter die Tram oder unten den Lastwagen zu landen kamst. Ein Freund hing ziemlich weit draußen und sah den Lastwagen nicht, der an der Biegung der Straße stand. Urplötzlich war er verschwunden, wir schrien, der Tramfahrer hielt an und wir klaubten unseren Kumpel unter dem Laster hervor. Leider ist ihm einer der Seitenwandriegel in den Mund geraten und hat ihm den ganzen Mund aufgerissen. Das hat scheußlich ausgesehen und saumäßig geblutet. Doch er hatte riesiges Glück, dass er nicht unter die fahrende Tram geraten ist, das wäre sein Ende gewesen. Heute ist das alles kein Problem mehr, denn alles ist so automatisiert, dass so was nicht mehr möglich ist. Unglücksfälle gibt’s aber doch noch genug.

Ein andermal fuhren wir wieder durchs Siegestor, und ich sah, dass ein älterer Typ mit einem Riesenrucksack draußen hing und ich dachte mir, der kommt nie und nimmer durch das enge Tor mit seinem Rucksack. So kam es auch, es gab einen Riesenlärm, der Typ musste lauter Töpfe und Geschirr im Rucksack gehabt haben, denn es krachte und klirrte in dem Tor, dass du erschrakst! Sein Rucksack war nicht mehr da, aber er hatte ein ebenso riesiges Glück wie unser Freund Guste.

Eine andere Episode aus einer Übergangszeit nach dem Krieg: Nach der Schule schaute ich ab und zu bei der Allacher Schmiede vorbei, an der Straße zur Würm, in der Nähe der Allacher Kirche. Allach hatte also noch eine Schmiede, die der ‚Schmiedpeter bediente. Er beschlug Pferde, Ochsen und Kühe und machte eiserne Gatter und Zierrat. Es war sehr interessant, ihm bei der Arbeit zuzusehen, an seinem offenen Feuer zu stehen und den Geruch von verbranntem Horn der Klauen der Tiere zu riechen. Das gibt s auch schon lange nicht mehr in Allach. Als ich damals vorbei kam nach der Schule, beschlug er gerade einen Ochsen. Der rumpelte wie ein Wilder im Rechteck, in dem er angehängt war, es passte ihm einfach nicht! Da ich alles genau sehen wollte, stellte ich mich direkt schräg hinter ihm und wartete auf den Schmiedpeter. Der kam bald und hob den Haxen des Ochsen auf sein Knie, bedeckt mit einer Lederschürze und kratzte am rechten Haxen mit seinem Messer herum. Das gefiel dem Ochsen gar nicht und plötzlich platzte sein After und ein Bogenstrahl von Scheiße ergoss sich über den Peter und mich! Ich sprang zurück, zu spät, meine ‚Schuluniform‘ war voller Scheiße , und ich stank wie ein Stinktier. Ein Riesengelächter der Schadenfrohen erschallte und daheim gleich noch einmal. Sie bogen sich vor Lachen, der Herr Oberschüler kam voller stinkender Scheiße heim von der ‚Oberschule‘.

Über Markus Dosch

Markus Dosch wurde in dem Dorf Allach bei München 1931 geboren. Kindheit und Jugend sind durch die nationalsozialistische Herrschaft geprägt, vor der der Junge in eine Welt der Bücher flieht. Die Beschäftigung mit Märchen, Mythen und Sagen bietet eine Möglichkeit zu leben und zu überleben. Das Lesen erweckt schon früh den Wunsch selbst zu schreiben und das Leben in Sprache zu verwandeln. In seinen Erzählungen verarbeitet er vielfach seine Erfahrungen als Mitarbeiter einer Versicherung. Die Erlebnisse eines ganz normalen Büromenschen werden hier zu manchmal schaurigen, manchmal heiteren, manchmal bissigen Geschichten verdichtet. Die frühe Faszination durch Mythen und Märchen kehrt dabei in der Kunst des Autors wieder, das Wunderbare oder das Abgründige im Einerlei des tagtäglichen Lebens aufzuspüren und in poetische Bilder zu fassen. Ich bin Mitglied im VS - Verband Deutscher Schriftsteller in Bayern P.E.N. - Club Deutschland Werkkreis - Literatur der Arbeitswelt

15. Januar 2015 von Markus Dosch
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