Besuch des Westfriedhofs in München und der Postillion von Lonjumeau

Meine Frau meinte, wir sollten heute Vormittag das Grab ihrer Mutter im Westfriedhof besuchen. Da eine erfrischende Sonne schien, jedoch eine steife, kalte Brise wehte, fuhren wir mit dem Auto und eigenartigen Gefühlen hinaus. Doch es war gar nicht so frisch und die Sonne brachte schon eine beachtliche Wäreme. Besonders ein Baum strahlte über und über mit weißen Blüten an den Zweigen über den Gräbern, eine Zierkirsche. Viele Gräber mit leuchtenden Blumen und Sträuchern, fast wie ein botanischer Garten. Was fasziniert einen an Friedhöfen? Weil man an sein eigenes Ende denken muss, zwangsläufig? Da unten liegen, nur dein Körper, das Bewußtsein weit weit, weg im All? Dabei singen die Vögel, direkt neben uns eine Grasmücke mit ihrem Singsang wie ein junger Wildbach. Ich liebe diesen Gesang, denn er ist so rhytmisch und klar.

Wir gingen weit hinaus, besuchten noch das Grab eines alten Freundes und spendeten ihm eine kleine Grabkerze im Zylinder. Dahinten gibt es auch einen kleinen See, über und über mit Seerosenblättern bedeckt, die ein fantastisches Gemälde ergeben wrden, wenn sie in Blüte sind. Vormerken. Gleich daneben eine kleinere Spitzhauskapelle mit den Nischen für Urnen. Da bist du nicht mehr in Gestalt, sondern nur noch in atomaren Staubpartikeln vorhanden. Ist dein Bewußtsein mitberbrannt? Nein, nein, das kann man nicht verbrennen, sagen die Wissenschaftler des Todes. Berührt dich das alles? Ja, schon, doch nicht in das Innere dringend. Da brauchts schon mehr. Von was? Frage bleibt offen.

Kurz drauf Heimfahrt die Dauchauerstrasse. Friedl erwähnte kurz die ‚Postillonstrasse‘ und sofort schoß mir eine Melodie durchs Hirn: ‚Der Postillion von Lonjumeau‘. Dieses Lied gefiel mir sehr gut als junger Mensch, sein heiterer Ton und die akzentuierte Melodik, leicht mitzusummen oder zu singen, auch mit dem Hirn einwandfrei, das war doch eine überraschende Begegnung heute Morgen! Was bleibt davon? Ist es nur der Augenblick, de zählt oder ist es mehr? Lernen wir uns besser selbst kennen oder bleibt es nur eine Bagatelle? Nichts zum Speichern?? Vielleicht.

Über Markus Dosch

Markus Dosch wurde in dem Dorf Allach bei München 1931 geboren. Kindheit und Jugend sind durch die nationalsozialistische Herrschaft geprägt, vor der der Junge in eine Welt der Bücher flieht. Die Beschäftigung mit Märchen, Mythen und Sagen bietet eine Möglichkeit zu leben und zu überleben. Das Lesen erweckt schon früh den Wunsch selbst zu schreiben und das Leben in Sprache zu verwandeln. In seinen Erzählungen verarbeitet er vielfach seine Erfahrungen als Mitarbeiter einer Versicherung. Die Erlebnisse eines ganz normalen Büromenschen werden hier zu manchmal schaurigen, manchmal heiteren, manchmal bissigen Geschichten verdichtet. Die frühe Faszination durch Mythen und Märchen kehrt dabei in der Kunst des Autors wieder, das Wunderbare oder das Abgründige im Einerlei des tagtäglichen Lebens aufzuspüren und in poetische Bilder zu fassen. Ich bin Mitglied im VS - Verband Deutscher Schriftsteller in Bayern P.E.N. - Club Deutschland Werkkreis - Literatur der Arbeitswelt

19. April 2015 von Markus Dosch
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